Digitale Bestandserfassung & Kreislaufwirtschaft

KI-gestützte Dokumentation im Bauablauf & Betrieb

11 Use-Case 10: Bestandsdaten für Kreislaufwirtschaft / Rückbau

11.1 Ziele

  • Datengrundlage zur Bewertung von Wiederverwendungs-, Verwertungs- und Rückbaupotenzialen bereitstellen
  • Datengrundlage für EU-Taxonomie-Nachweise oder andere Zertifizierungen bereitstellen
  • Ersatzteilinformationen erfassen
  • Bauteil- und Materialinventar des Bestands vollständig und verortet erfassen
  • Bauteilaufbauten, Schichtdicken und Materialien belastbar dokumentieren als Basis zur Entscheidung über mögliche Verwertungswege
  • Verbindungs- und Fügedetails erfassen, damit Trenn- und Ausbaubarkeit beurteilbar wird
  • Schad- und Störstoffverdachtsstellen lokalisieren und verortet dokumentieren
  • Datengrundlage für Materialpass, Rückbaukonzept und Ökobilanz schaffen (Auswertung erfolgt nachgelagert)

11.2 Mehrwerte

  • Frühzeitige Identifikation potenziell wiederverwendbarer bzw. verwertbarer Bauteile und Materialien unterstützt Re-Use und Recycling und kann Entsorgungs- und Deponiekosten reduzieren.
  • Belastbare Massen und Mengen ermöglichen eine fundiertere Rückbau- und Verwertungskalkulation.
  • Verortete Bauteil-, Material- und Aufbaudokumentation reduziert Unsicherheiten in Rückbauplanung und -ausführung.
  • Frühzeitige Kenntnis vorhandener Schad- und Störstoffe unterstützt die Einschätzung von Kosten- und Ausführungsrisiken.
  • Einmalig erfasste Bestandsdaten können mehrfach genutzt werden, z. B. für Materialpass, FM, Sanierungsplanung sowie ESG- und Nachhaltigkeitsanwendungen.
  • Nachvollziehbare Datenherkunft und -qualität (z. B. Quelle, Erhebungsjahr, Erfassungsmethode, Sondageort) verbessert die Nachvollziehbarkeit nachgelagerter Bewertungen.
  • Einheitliche Attribut- und Klassifikationsstrukturen ermöglichen objekt- und portfolioübergreifende Auswertungen.

11.3 Was ist zu beauftragen?

  • Vorab-Festlegung der Datenanforderungen: Attributliste, Bauteilklassifikation (IFC), Mengenbezug, Einheiten, Genauigkeit
  • Sichtung und Plausibilisierung bestehender Unterlagen (Bestandspläne, Aufbautenkatalog, As-Built-Dokumentation, Produktdatenblätter)
  • Optional: Verorteter Laserscan innen und außen inkl. Registrierung und Georeferenzierung, falls genaue Geometrien notwendig sind
  • Optional: Drohnenbefliegung für Dach und Fassade
  • Soweit erforderlich Sondagen / Bauteilöffnungen inkl. verorteter Dokumentation der Schichtaufbauten – Anzahl und Lage vorab festlegen, Wiederherstellung mitbeauftragen
  • Fotodokumentation der Verbindungs- und Anschlussdetails (Fügeprinzip, Befestigung, Trennbarkeit) und einer allg. Zustandsbewertung (wiederverwendbar, reparaturbedürftig etc.)
  • Schad- und Störstofferkundung inkl. Probenahme und Analytik (gesondert zu beauftragen)
  • Aufbau bzw. Fortschreibung des Bestandsmodells (ggf. BIM/IFC) mit Aufbauten, Materialfestlegungen und Mengen der für Re-Use/Recycling infrage kommenden Bauteile/Produkte
  • Strukturierte Datenübergabe je Objekt: IFC, Attributtabelle, Objekt-ID
  • Dokumentation von Datenherkunft, Erhebungsjahr, Erfassungsmethode, Genauigkeit und Datenlücken

11.4 Auftragnehmer:innen – Wer kann das durchführen?

  • Vermesser:innen/Geometer:innen bzw. Scan-Dienstleister:innen für erforderliche geometrische Bestandserfassungen
  • Ggf. Drohnenbetreiber:innen (Dach, Fassade, unzugängliche Bereiche)
  • BIM-Dienstleister:innen für die Bestandsmodellierung inkl. Aufbauten und Materialattributen (Grundlage für Ressourcenpass)
  • Fachfirma für Sondagen / Bauteilöffnungen inkl. Wiederherstellung
  • Befugte Fachperson für Schad- und Störstofferkundung inkl. akkreditiertem Labor
  • Ggf. Datenmanagement-Dienstleister:innen für Materialpass-Plattform (z. B. Madaster)
  • Rückbauplaner:innen / Rückbauunternehmen zur Beurteilung der praktischen Ausbaubarkeit

11.5 Ergebnisdokumente

  • Strukturierte Bauteil- und Materialliste mit erforderlichen Mengen und räumlicher Zuordnung
  • Ggf. digitales Bestandsmodell mit relevanten Bauteil-, Aufbau- und Materialinformationen
  • Anm.: Die erforderliche Datenstruktur kann je nach Anwendungsfall von einer strukturierten Bauteil-/Materialliste bis zu einem geometrischen Bestandsmodell mit verknüpften Informationen reichen.
  • Optional: georeferenzierte Punktwolke
  • Fotodokumentation der Verbindungs- und Anschlussdetails
  • Sondagendokumentation: Lage im Modell/Plan, Foto, Schichtaufbau, Schichtdicken
  • Schad- und Störstoffkataster inkl. verorteter Probenahmestellen (falls beauftragt)
  • Bauteilsteckbriefe für wiederverwendungsrelevante Bauteile
  • Datenherkunfts- und Qualitätsnachweis: Quelle, Erhebungsjahr, Methode, Genauigkeit, Lückenliste

11.6 Anforderungen an das digitale Modell

GeometrieAlphanumerikLOIN-Detailtiefe
Relevante Bauteile und Produkte mit räumlicher Zuordnung und erforderlicher MengengrundlageBauteil-/Produktart, Material, Menge sowie weitere für den Anwendungsfall erforderliche MerkmaleHoch
Verbindungs- und Anschlussdetails (3D, verortet)Fügeprinzip, Befestigungsart, TrennbarkeitHoch
Schichtaufbauten aus Sondagen (verortet)Materialbezeichnung, Schichtdicke, Quelle/ErhebungsjahrHoch
Tabelle 10: Informationsbedarfstiefe Use-Case 10Download: Tabelle als PNG

11.7 Dokumentation / Grundlagen

  • Bestands- und As-Built-Pläne bzw. -Modelle sowie Aufbautenkataloge
  • Materialpass (z. B. Madaster), falls vorhanden
  • Bauteilsteckbriefe
  • Rückbaupläne
  • Fotodokumentation der Verbindungen
  • Bestehende Sondage-, Kamin- und Materialbefunde
  • Schad- und Störstoffgutachten (falls vorhanden)
  • Produkt- und Herstellerunterlagen, technische Datenblätter, Aufbautenzulassungen
  • Sanierungs- und Instandhaltungshistorie (Bauteile, Anlagentechnik)
  • Objektstammdaten (Baujahr, Nutzungsart, BGF, Adresse, Objekt-ID)
  • Genehmigungsunterlagen / Konsensakt

11.8 Erfassungsmethode

  • Falls hohe Geometrieanforderungen bestehen:
  • Laserscan (verortet) als geometrische Basis/ mobile Scan-Begehung
  • Optional: Drohnenbefliegung für Dach und Fassade
  • BIM-Modell als führende Datenstruktur; Datenübergabe an Materialpass-Plattform (z. B. Madaster)
  • Wenn BIM verfügbar: Attributierungen zu Materialien/Produkten direkt im Modell anstatt separater Listen
  • Fotodokumentation als Grundlage für Bauteilliste
  • Bauteilöffnungen / Sondagen als belastbare Methode für Schichtaufbauten
  • Ergänzend zerstörungsfreie Verfahren (Endoskopie, Bewehrungsscan, Thermografie, Radar) zur Reduktion der Sondagenanzahl

11.9 Sonstige Rahmenbedingungen

  • Sondagen sind eingriffsintensiv: Zustimmung der Eigentümer:innen, statische Freigabe sowie Wiederherstellung inkl. Brandschutz- und Schallschutzverschluss vorab klären
  • Zutritt und Zeitfenster mit Nutzer:innen, Mieter:innen und Betreiber:innen abstimmen (Staub, Lärm, Betriebsunterbrechung)
  • Bei Verdacht auf Asbest, HBCD, PAK o. ä.: Probenahme nur durch Fachkundige, Arbeitnehmerschutz beachten
  • Schad- und Störstofferkundung ist nach Recycling-Baustoffverordnung ab 750 t Bau- und Abbruchabfall verpflichtend, Rückbau nach ÖNORM B 3151 (die Erfassung liefert dafür Geometrie, Bauteilaufbauten und Mengen)
  • Denkmalschutz / BDA: Eingriffe und Sondagen vorab abstimmen und genehmigen lassen
  • Drohneneinsatz nur mit Bewilligung und Registrierung der Betreiber:innen
  • Datenschutz bei Scans und Fotos (Personen, mieterspezifische Einrichtungen) beachten
  • Einheitliche Klassifikations- und Attributstruktur vorab festlegen (IFC, Flächen nach ÖNORM B 1800, Materialbezeichnungen)
  • Ggf. Fortschreibungsprozess festlegen (Verantwortlichkeit, Turnus, Anlassfälle wie Umbau oder Bauteiltausch)

11.10 Nutzer:innen der Ergebnisse

  • Auftraggeber:innen / Eigentümer:innen / Bestandshalter:innen
  • Rückbau- und Fachplaner:innen
  • Rückbauunternehmen und Verwerter:innen
  • Nachhaltigkeits-/Kreislaufwirtschaftsexpert:innen
  • Planer:innen für Sanierungs- und Umbaumaßnahmen
  • CREM / FM, soweit die Daten für den laufenden Betrieb weitergenutzt werden
  • Materialpass-/Re-Use-Plattformen bzw. Bauteilbörsen als nachgelagerte Datennutzer:innen
Nächstes Kapitel
Cookie Consent mit Real Cookie Banner