Konstruktion & Technik
Lösungsansätze für die größten technischen Herausforderungen in der Kreislaufwirtschaft
2 Aushub
BEITRAG von Bernegger
2.1 Aushub als Ressource
Warum jetzt Handlungsbedarf besteht
Im Jahr 2025 fielen rund 38 Mio. Tonnen Aushubmaterialien an – rund 22,6 Mio. Tonnen wurden deponiert. Damit gehen große Mengen mineralischer Ressourcen dem Stoffkreislauf verloren. (Quelle: Die Bestandsaufnahme der Abfallwirtschaft in Österreich, Statusbericht 2026 für das Referenzjahr 2024).
Die zentrale Herausforderung lautet daher: Wie wird aus Aushub möglichst früh ein planbarer Rohstoff?
Baggerschürfe, eine geotechnische und bodenmechanische Bodenansprache, Siebanalysen und eine auf mögliche Verwertungen abgestimmte chemische Untersuchung schaffen die notwendige Grundlage.
Materialangebot und Materialbedarf zusammenbringen
Bodenaushub folgt einer besonderen wirtschaftlichen Logik: Er entsteht nicht aufgrund einer Nachfrage nach einem Rohstoff, sondern zwangsläufig als Folge eines Bauvorhabens.
Das wirtschaftliche Potenzial einer Verwertung entsteht deshalb nicht nur durch den Verkauf eines Rohstoffes. Entscheidend sind vielmehr die eingesparten Transport-, Behandlungs- und Deponiekosten.
Daraus ergibt sich zugleich eine besondere Herausforderung: das zeitliche Zusammenspiel von Anfall und Bedarf. Bauherr:innen und Bauunternehmen sollten daher frühzeitig prüfen, ob Material auf dem eigenen Bauvorhaben, bei parallellaufenden Projekten, bei Bauvorhaben anderer Unternehmen oder über Materialbörsen eingesetzt werden kann. Damit können große Mengen mineralischer Ressourcen im Stoffkreislauf bleiben, geeigneter Aushub kann genutzt werden.
Wo Materialanfall und Bedarf zeitlich nicht zusammenpassen, werden geeignete Zwischenlagerflächen benötigt.
Aufbereitung statt Deponierung
Nicht jeder Boden kann unmittelbar wieder eingesetzt werden. Lehmige, sandige oder wenig standfeste Materialien benötigen unter Umständen eine technische Aufbereitung.
Deshalb sollte bereits in der Projektvorbereitung geprüft werden, ob der Boden bzw. Fraktionen durch Siebung, Mischung, Bodenverbesserung, Abtrennung einzelner Fraktionen oder weitergehende Aufbereitungen für eine weitere Verwendung aufbereitet werden können.
Lehmbaustoffe: vom Aushub zum Bauprodukt
Ein besonders interessantes Einsatzgebiet ist die Herstellung von Lehmbaustoffen aus geeignetem Bodenaushub. Derzeit bestehen dabei allerdings noch mehrere Hürden. Aushubmaterial ist heterogen und weist je nach Herkunft unterschiedliche Eigenschaften auf. Außerdem fehlen teilweise standardisierte Verfahren für Analyse, Klassifizierung, Aufbereitung und Produktnachweis. Genau diese Fragestellungen werden derzeit unter anderem in den durch die FFG – Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft – geförderten Forschungsprojekten „missing link“ und „reSOILution“ untersucht. Ziel ist es, technische, rechtliche, logistische und wirtschaftliche Voraussetzungen für die Nutzung von Aushubmaterial zur Herstellung von Lehmbaustoffen zu entwickeln.
Neue Möglichkeiten durch die geplante Aushubverordnung
Einen wichtigen Impuls soll die geplante Verordnung über die Verwertung und das Abfallende bestimmter Aushubmaterialien setzen. Ziel ist es, geeignete Aushubmaterialien verstärkt einer hochwertigen Verwertung zuzuführen und für bestimmte Materialqualitäten mehr Rechtssicherheit zu schaffen. Der derzeit vorliegende Entwurf betrifft ausgewählte verwertbare Aushubmaterialien.
Von besonderer Bedeutung ist das vorgesehene Materialkonzept für große Aushubvorhaben. Nach dem derzeitigen Entwurf soll dort bereits in der Planungsphase ermittelt werden, welche Mengen und Qualitäten anfallen und welche Verwertungs- bzw. Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Soll Material deponiert werden, muss begründet werden, warum eine Verwertung technisch oder ökologisch nachteilig, nicht möglich oder wirtschaftlich nicht zumutbar ist.
Besonders relevant ist außerdem das geplante vorzeitige Abfallende. Für verwertbare Materialqualitäten soll unter definierten Voraussetzungen das Abfallende bereits vor der tatsächlichen Verwendung eintreten können. Damit könnte geeignetes Bodenaushubmaterial wesentlich einfacher als Rohstoff weitergegeben, transportiert, aufbereitet und eingesetzt werden. Die Aushubverordnung ist noch ein Begutachtungsentwurf und das vorgesehene Materialkonzept gilt erst bei mehr als 10.000 Tonnen Aushubmaterial, die als Abfall anfallen. Zudem wird das vorzeitige Abfallende auf bestimmte qualitätsgesicherte Materialien unter festgelegten Voraussetzungen eingegrenzt.
Was bedeutet das für die Praxis? Für Bauherr:innen, Planer:innen und ausführende Unternehmen ergeben sich daraus sechs wesentliche Maßnahmen:

Das Ziel: den Boden als Ressource planen
Eine möglichst hohe Recyclingquote je Bauvorhaben ist nicht das alleinige Ziel. Wenn eine Verwertung nur durch sehr lange Transporte oder unverhältnismäßig hohen technischen Aufwand möglich wird, kann sie sowohl wirtschaftlich als auch hinsichtlich der CO₂-Bilanz schlechter sein als andere Lösungen. Entscheidend ist daher eine ökologisch, technisch und wirtschaftlich sinnvolle Verwendung im konkreten Projekt. Nicht jeder Aushub eignet sich auch für eine Dachbegrünung oder den Landschaftsbau und muss angereichert werden. Denn bei Bodenaushub geht es häufig um eine direkte Verwendung oder Verwertung nach Qualitätsprüfung, nicht notwendigerweise um „Wiederverwendung“ im engeren Sinn. Aushubmaterial darf dabei nur dann verwertet werden, wenn es einen sinnvollen Zweck erfüllt und andere Materialien ersetzt, die sonst für diese Funktion eingesetzt würden.
2.2 Beispiel Waldorfschule Mauer in Wien (AT)
Aushub, Materialwieder- und -weiterverwendung auf der eigenen Baustelle am Beispiel der Waldorfschule Mauer in Wien (AT): Neubau und Bauen im Bestand, Holzbau, zirkuläres Bauen sowie der Einsatz regenerativer Baustoffe.
Technische Voraussetzungen:
- Bestandsprojekt mit Zubau, geeignete Lagermöglichkeit sowie Möglichkeiten zum Sieben und Aufbereiten des Aushubmaterials.
- Prüfung und Bewertung des Materials auf Eignung zur Wiederverwendung.
- Das Material kann im selben Projekt weiterverwendet werden.
Wirtschaftliche Voraussetzungen:
- Entscheidend sind die Distanz zur nächsten Aufbereitungsanlage und die Verfügbarkeit ausführender Unternehmen, die das Material übernehmen, aufbereiten und erneut verarbeiten können.
- Zu prüfen sind die Möglichkeit einer Aufbereitung vor Ort und der damit verbundene Aufwand.
- Kein Abfall, kein neues Material, bessere Ökobilanzierung
Rechtliche Voraussetzungen:
- Das Material muss schadstofffrei sein und darf nicht kontaminiert sein. Zu berücksichtigen sind beim Rückbau die ÖN B 3151, das Abfallrecht sowie die Stellungnahme des Umweltministeriums zum Abfallende.
- Umweltschutz, Arbeitsrecht
- Herausfordernd ist das Zusammenspiel der Materialeigenschaften mit dem jeweiligen Systemaufbau, z. B. bei einer Trockenbauwand mit Lehmputz aus dem Aushub und den Anforderungen an die Raumakustik im Schulbau.
Mindset der Kund:innen
Kund:innen
- entscheiden sich aus ökologischem und gesellschaftlichem Interesse für wiederverwendete Bauteile
- möchten Ressourcen schonen
- legen Wert auf ein gesundes Raumklima



Fazit
Die Waldorfschule Mauer zeigt, wie Aushublehm im eigenen Bauvorhaben weiterverwendet werden kann. Entscheidend sind eine frühe Prüfung der Materialeignung, die Abstimmung mit den bautechnischen Anforderungen sowie eine praktikable Aufbereitung vor Ort.
Die Publikation bündelt praxisnahe Lösungsansätze für zentrale technische Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Anhand konkreter Projekte und Bauteile zeigt sie, welche Möglichkeiten für Wiederverwendung, Weiterverwendung und Sanierung bereits bestehen – und welche technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.
Im Fokus stehen unter anderem Aushub, Fassaden und Fenster, Ausbauprodukte sowie unterschiedliche Formen der Aufbereitung und Wiederverwendung. Ergänzend werden Gebäudezertifizierungs- und Verifikationssysteme sowie der Lebenszyklus-Wertindex betrachtet. Die Beiträge machen deutlich, wo Kreislaufwirtschaft heute bereits praktikabel umgesetzt werden kann und welche Rahmenbedingungen noch weiterentwickelt werden müssen, damit zirkuläre Lösungen breiter in der Praxis ankommen.
- Kreislauffähiges Bauen scheitert häufig nicht an fehlenden technischen Lösungen, sondern an zu spät verfügbaren Bestands- und Materialdaten sowie ungeklärten Rückbau-, Lager-, Aufbereitungs- und Nachweisprozessen.
- Wiederverwendung und Weiterverwendung funktionieren besonders dann, wenn Bauteile früh geprüft, zerstörungsarm rückgebaut und Logistik sowie Aufbereitung rechtzeitig mitgeplant werden.
- Wirtschaftlichkeit entsteht nicht nur durch günstigere Materialien, sondern auch durch vermiedene Entsorgungs-, Transport-, Neubeschaffungs- und Montagekosten.
- Gewährleistung, Haftung und fehlende Versicherungs- bzw. Finanzierungsmodelle sind zentrale Hürden für die breitere Umsetzung kreislauffähiger Lösungen.
- Kreislaufwirtschaft muss bereits in Wettbewerb, Planung und Ausschreibung verankert werden, damit technische Lösungen später auch vergabe-, zertifizierungs- und nachweisfähig sind.
- Gebäudezertifizierung und EU-Taxonomie machen zirkuläre Qualitäten zunehmend mess- und nachweisbar, bilden jedoch nicht jede ökologische Stärke eines Projekts vollständig ab.
- Der Lebenszyklus-Wertindex erweitert die Bewertung um materialbedingte Emissionen und ermöglicht damit einen vergleichbareren Blick auf Sanierung, Bestandserhalt und Neubau.
- Dokument (PDF) downloaden – Dokument, 9 MB
- Text (PDF) downloaden – Text, 194 KB