Konstruktion & Technik
Lösungsansätze für die größten technischen Herausforderungen in der Kreislaufwirtschaft
3 Fassade und Fenster
3.1 Kreislaufwirtschaft unter Realbedingungen – Sanierung und Fassaden
BEITRAG von Rüdiger Lainer + Partner Architekten
Kreislaufwirtschaft unter Realbedingungen – Learnings aus der Sanierung Siccardsburggasse 83–85, 1100 Wien
Ausgangslage
Das 1987 errichtete Wohn- und Geschäftsgebäude mit rund 7.400 m² Wohnnutzfläche und 3.000 m² Geschäftsfläche wird im Auftrag der GESIBA umfassend saniert. Energetische Defizite, geringe Klimaresilienz und die begrenzte Restnutzungsdauer wesentlicher Bauteile waren Anlass. Neben der thermischen Ertüchtigung tragen Maßnahmen für mehr Wohnkomfort, Begrünung, erneuerbare Energie und Kreislaufwirtschaft zur qualitativen Aufwertung des Bestands bei.

Varianten statt Vorfestlegung
Für Fassade, Fenster und Dächer wurden technische, energetische, ökologische, wirtschaftliche und kreislaufwirtschaftliche Varianten in Nachhaltigkeitsmatrizen verglichen. Aufgrund einer Asbestbelastung mussten die Fassadentafeln entsorgt werden. Das Spektrum reichte vom Erhalt der Unterkonstruktion und Dämmung bis zum vollständigen Neuaufbau mit EPS, Hanf oder Holzfaser. Bei den Fenstern wurde der Erhalt möglichst vieler Bauteile und Verglasungen geprüft.


Die Ausschreibung als Realitätstest
Die Untersuchung zeigte: Ökologisch vorteilhafte und ressourcenschonende Lösungen können technisch plausibel sein, ohne am Markt unmittelbar vergabefähig zu werden. Für Weiterarbeiten auf der rund vier Jahrzehnte alten Fassadenunterkonstruktion wollte kein Unternehmen die erforderliche Gewährleistung übernehmen. Gleichzeitig lag die ökologische Hanflösung preislich deutlich über der EPS-Referenz. Dass sie dennoch gewählt werden konnte, war nur durch die Wiener Wohnbauförderung möglich: Beim Einsatz „ökologischer, nachhaltiger, ressourcenschonender, kreislauffähiger und klimaschonender Bauweisen und Materialien“ wird die nächsthöhere Förderstufe herangezogen, und die Zuschüsse waren höher.
Gewählt wurden der Abbruch der bestehenden Unterkonstruktion und Dämmung sowie ein neues Wärmedämmverbundsystem mit 24 cm Hanfdämmung. Bei den Fenstern blieb der Blindstock erhalten; Stock und Flügel wurden mit Dreischeibenverglasung erneuert.
Voraussetzungen und erforderliche Rahmenbedingungen
Aus dem Projekt werden drei Handlungsfelder abgeleitet:
- ein Haftungsfonds oder geeignete Versicherungsmodelle für die Weiterverwendung von Bestandsmaterialien und -konstruktionen
- längere Finanzierungs- und Amortisationszeiträume für gemeinnützige Sanierungen
- rechtssichere Refinanzierungsmodelle für ökologisch und kreislaufwirtschaftlich höherwertige Maßnahmen
Drei zentrale Learnings und Fazit
- Bewerten bis zur Vergabe: Variantenvergleiche müssen Kosten, Verfügbarkeit, Gewährleistung und Nachweisbarkeit früh einbeziehen.
- Risiken neu verteilen: Wiederverwendung braucht realistische Prüfregeln und geeignete Haftungs- oder Versicherungslösungen.
- Lebensumgebung verbessern: Die Akzeptanz der Bewohner:innen wurde nicht allein über die erwartete Energiekostenersparnis gewonnen. Entscheidend war auch der unmittelbar wahrnehmbare Mehrwert: Der neue Dachgarten wertet ihre tägliche Lebensumgebung gestalterisch und funktional auf und hat eine lange Lebensdauer.
3.2 Fassade mit Fenster im Bestand – Zwischen Überraschung und Systemlösung
BEITRAG von ALU KÖNIG STAHL
Metallfenster und -türen prägen das Erscheinungsbild, die Funktion und die bauphysikalische Qualität einer Gebäudehülle. Bei einer Sanierung stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie sich ihre energetische Leistung verbessern lässt, sondern auch, welche Teile der bestehenden Konstruktion erhalten werden können. Zwischen dem Austausch einzelner Komponenten und dem vollständigen Ersatz liegt ein breites Spektrum möglicher Lösungen.
Dieser Beitrag zeigt, wie der Zustand bestehender Aluminium- und Stahlkonstruktionen bewertet und daraus eine passende Sanierungsstrategie abgeleitet werden kann. Im Mittelpunkt stehen die sorgfältige Bestandsaufnahme, die Prüfung technischer und rechtlicher Anforderungen sowie der Einsatz geeigneter Systemlösungen. Anhand der beschriebenen Varianten wird deutlich, warum eine frühzeitige Planung und ein Musterfenster helfen können, technische Risiken und Kosten vor der Ausschreibung besser einzuschätzen.
Die Sanierung von Metallfenstern und -türen stellt einen zentralen Baustein bei der energetischen Ertüchtigung der Gebäudehülle dar. Neue Systemlösungen ermöglichen heute eine prozesssichere Modernisierung, die technische Anforderungen mit wirtschaftlicher Effizienz verbindet.
Herausforderungen bei Sanierungen im Bestand
Im Bestand treten viele Rahmenbedingungen erst bei der Detailaufnahme oder Umsetzung zutage: unklare Anschlüsse, statische Randbedingungen, Abweichungen vom Planstand sowie Vorgaben aus Nutzung, Denkmalschutz und Behördenverfahren. Überraschungen bei Öffnungen, Maßen oder Bauteilzustand sind häufige Risiken — daher ist eine gründliche Bestandsanalyse unverzichtbar.
Zustandsanalyse und technische Bewertung
Konstruktionen aus Aluminium und Stahl, die vor 25–30 Jahren eingebaut wurden, funktionieren dem Grunde nach oft noch gut – vorausgesetzt, sie wurden regelmäßig gewartet. Dennoch entsprechen sie in den meisten Fällen nicht mehr den aktuellen bauphysikalischen Anforderungen hinsichtlich Wärmedämmung, Schallschutz, Luftdichtheit und Kondensatvermeidung. Eine differenzierte Bestandsanalyse der Elemente ist deshalb essenziell.
Sanierungsvarianten: Von punktuell bis systemisch
Die Wahl der Sanierungstiefe richtet sich bei Fenstern und Türen nach technischem Zustand, Nutzung und Investitionshorizont:
- Glastausch (bei intakten Profilen)
- Dichtungstausch
- Flügeltausch: Erhalt der Blendrahmen und verfügbarer Systemlösungen
- Blendrahmen als Blindstock für neue Elemente
- Kompletter Fenstertausch
- Kompletter Fassadentausch
Die objektspezifische Prüfung ist entscheidend: Statische Tragfähigkeit, Einbausituation, Anschlussmöglichkeiten und der Zustand der umgebenden Bauteile bestimmen, ob sich eine Konstruktion wirtschaftlich aufrüsten lässt. Auch die Ergänzung von bestehenden Strukturen kann die technisch und wirtschaftlich sinnvollste Lösung darstellen (siehe Abbildung 5, Quelle: Renner Metallbau).

Systemlösungen für prozesssichere Sanierung
- Geprüfte Systemlösungen etablierter Hersteller:innen wie Schüco und Jansen bieten Zulassungen, standardisierte Details und vorgefertigte Elemente.
- Sie erhöhen die Planungssicherheit, verkürzen Montagezeiten, unterstützen die Termintreue und
- können durch den Erhalt vorhandener Anschlüsse die Wirtschaftlichkeit verbessern.
Eine wirtschaftliche und saubere Sanierungsvariante: Erhalt der bestehenden Blendrahmenkonstruktion und der Einsatz neuer, technisch und bauphysikalisch hochleistungsfähiger Fensterflügel und Verglasungen (siehe Abbildung 6, Quelle: Schüco).

Umfassende Planung und Vorbereitung
Die frühzeitige Klärung von Denkmalschutz, Brandschutz sowie bauphysikalischen und nutzungsbezogenen Anforderungen ist entscheidend. Auch die künftige Wartung und Instandhaltung sollte mitgeplant werden (Verfügbarkeit von Ersatzteilen) – dies hängt direkt mit dem Investitionshorizont zusammen. Vor der Ausschreibung empfiehlt sich außerdem die Umsetzung eines Musterfensters oder Musterbereichs in der Fassade, um die Ergebnisse der Bestandsanalyse zu verifizieren und die Umsetzungskosten zu präzisieren.
Fazit
Erfolgreiche Sanierungen von Fenstern und Türen in der Gebäudehülle hängen von realistischer Bestandsanalyse, objektspezifischer Variantenbewertung und sorgfältiger Planung ab. Geprüfte Systemlösungen erleichtern die Umsetzung, ersetzen aber nicht die fundierte Vorprüfung und Vorbereitung.
3.3 Türen, Türportale und Fenster ausbauen und wiederverwenden
BEITRAG von BauKarussell e.Gen.
Türen, Türportale und Fensterelemente verfügen häufig über eine lange technische Lebensdauer und können bei sorgfältigem Rückbau in neuen Projekten weiterverwendet werden. Insbesondere hochwertige und gewartete Bauteile lassen sich durch Aufbereitung und fachgerechten Wiedereinbau erneut nutzen.
Entscheidend für den Erfolg sind
- die Qualität des Rückbaus,
- die Eignung für den neuen Verwendungszweck sowie
- die Einhaltung der geltenden technischen und rechtlichen Anforderungen.
Technische Voraussetzungen: Die Wiederverwendung hängt wesentlich davon ab, ob die Bauteile zerstörungsfrei ausgebaut werden können und ihre funktionalen Eigenschaften erhalten bleiben.
- Innentüren können häufig durch die Wiederverwendung der Türblätter in neue Einbausituationen integriert werden. Dabei sind gegebenenfalls Anpassungen der Türstöcke oder Aufbereitungsmaßnahmen erforderlich, um aktuelle Anforderungen, beispielsweise hinsichtlich der Barrierefreiheit, zu erfüllen. Dabei sollte darauf geachtet werden, möglichst alle Anbau- und Verbindungsteile, etwa Türbänder, vollständig zu demontieren.
- Fenster, Fensterelemente, Türportale, Fixverglasungen und Glastüren eignen sich für den Wiedereinsatz, wenn ein zerstörungsfreier Ausbau möglich ist und die Bauteile während der Demontage nicht beschädigt werden. Die Qualität des Rückbaus ist daher von zentraler Bedeutung.
Wirtschaftliche Voraussetzungen: Die wirtschaftliche Attraktivität hängt von den Eigenschaften und dem Zustand der Bauteile, dem Aufwand des Rückbaus und den Anforderungen des Folgeprojekts ab.
- Innentüren können gegenüber Neuprodukten kostengünstig sein, wenn Maße, Design und technische Eigenschaften zum neuen Einsatzbereich passen. Da Türblätter bei Umbau- und Abbrucharbeiten ohnehin demontiert werden müssen, können zusätzliche wirtschaftliche Vorteile durch die Vermeidung von Entsorgungsaufwand entstehen.
- Bei Fenstern und Türportalen kann der Aufwand für Demontage, Lagerung und Wiedereinbau teilweise höher sein als jener für Neuprodukte. Im Zuge von Sanierungen ist jedoch häufig ein sorgfältiger Umgang mit dem Bestand erforderlich, wodurch ein zerstörungsfreier Ausbau oft nur geringen Mehraufwand verursacht. Besonders bei hochwertigen Bauteilen kann dadurch eine wirtschaftlich interessante Wiederverwendung ermöglicht werden.
Rechtliche Voraussetzungen: Für den Wiedereinsatz sind die geltenden bautechnischen Vorschriften sowie die Anforderungen des jeweiligen Einsatzortes zu berücksichtigen.
- Innentüren werden in der Regel als Gebrauchtbauteile übernommen und müssen gegebenenfalls angepasst oder aufbereitet werden, um die Anforderungen des neuen Projekts zu erfüllen.
- Fenster, Verglasungen und Türportale müssen insbesondere hinsichtlich Wärmeschutz, Brandschutz und fachgerechter Montage den geltenden Vorschriften entsprechen. Die Wiederverwendbarkeit hängt daher wesentlich von den vorhandenen Produkteigenschaften und der Qualität des Wiedereinbaus ab.
Mindset der Kund:innen
Die Wiederverwendung von Türen, Türportalen und Fenstern wird sowohl durch ökologische als auch durch wirtschaftliche Überlegungen motiviert.
- Durch den Erhalt hochwertiger Bauteile können Ressourcen geschont und Abfälle vermieden werden.
- Gleichzeitig ergeben sich bei passenden Rahmenbedingungen Kostenvorteile gegenüber der Neubeschaffung.
- Darüber hinaus dient die sichtbare Umsetzung von Kreislaufwirtschaft Bauherrschaften, Planer:innen und Unternehmen zunehmend auch in der internen und externen Kommunikation.
Projektbeispiele
Innentüren
- Ernte: Technisch-Gewerbliche Abendschule Wien
Wiedereinsatz: Tennenmälzerei Graz
Die Türblätter wurden ausgebaut, aufbereitet und unter Anpassung der neuen Türzargen in einem anderen Projekt weiterverwendet. Dadurch konnten hochwertige Bestandsprodukte erhalten und Ressourcen eingespart werden.
Fensterelemente und Türportale
- Ausbau: Schulprovisorium Tullnerbach, Otto-Möbes-Akademie
- Wiedereinsatz: Containeranbieter:innen, Stockschützenverein Oberösterreich
Fenster, Fensterelemente und Türportale wurden zerstörungsfrei rückgebaut, für die weitere Nutzung vorbereitet und in neuen Projekten wiedereingesetzt. Der sorgfältige Rückbau ermöglichte den Erhalt der Bauteilqualität und verlängerte die Nutzungsdauer der Elemente erheblich.


Fazit
Türen, Türportale und Fensterelemente können durch sorgfältigen Ausbau und fachgerechten Wiedereinbau eine zweite Nutzungsphase erhalten. Entscheidend sind ihr Zustand, die Eignung für das Folgeprojekt und die Einhaltung der dort geltenden Anforderungen; besonders bei hochwertigen Bauteilen kann sich die Wiederverwendung ökologisch und wirtschaftlich lohnen.
Die Publikation bündelt praxisnahe Lösungsansätze für zentrale technische Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Anhand konkreter Projekte und Bauteile zeigt sie, welche Möglichkeiten für Wiederverwendung, Weiterverwendung und Sanierung bereits bestehen – und welche technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.
Im Fokus stehen unter anderem Aushub, Fassaden und Fenster, Ausbauprodukte sowie unterschiedliche Formen der Aufbereitung und Wiederverwendung. Ergänzend werden Gebäudezertifizierungs- und Verifikationssysteme sowie der Lebenszyklus-Wertindex betrachtet. Die Beiträge machen deutlich, wo Kreislaufwirtschaft heute bereits praktikabel umgesetzt werden kann und welche Rahmenbedingungen noch weiterentwickelt werden müssen, damit zirkuläre Lösungen breiter in der Praxis ankommen.
- Kreislauffähiges Bauen scheitert häufig nicht an fehlenden technischen Lösungen, sondern an zu spät verfügbaren Bestands- und Materialdaten sowie ungeklärten Rückbau-, Lager-, Aufbereitungs- und Nachweisprozessen.
- Wiederverwendung und Weiterverwendung funktionieren besonders dann, wenn Bauteile früh geprüft, zerstörungsarm rückgebaut und Logistik sowie Aufbereitung rechtzeitig mitgeplant werden.
- Wirtschaftlichkeit entsteht nicht nur durch günstigere Materialien, sondern auch durch vermiedene Entsorgungs-, Transport-, Neubeschaffungs- und Montagekosten.
- Gewährleistung, Haftung und fehlende Versicherungs- bzw. Finanzierungsmodelle sind zentrale Hürden für die breitere Umsetzung kreislauffähiger Lösungen.
- Kreislaufwirtschaft muss bereits in Wettbewerb, Planung und Ausschreibung verankert werden, damit technische Lösungen später auch vergabe-, zertifizierungs- und nachweisfähig sind.
- Gebäudezertifizierung und EU-Taxonomie machen zirkuläre Qualitäten zunehmend mess- und nachweisbar, bilden jedoch nicht jede ökologische Stärke eines Projekts vollständig ab.
- Der Lebenszyklus-Wertindex erweitert die Bewertung um materialbedingte Emissionen und ermöglicht damit einen vergleichbareren Blick auf Sanierung, Bestandserhalt und Neubau.
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