Konstruktion & Technik
Lösungsansätze für die größten technischen Herausforderungen in der Kreislaufwirtschaft
6 Lebenszyklus-Wertindex (LZWi)
BEITRAG von ATP sustain GmbH
Für eine faire Vergleichbarkeit von Bestand und Neubau
Die aktuelle Methodik des Energieausweises basiert ausschließlich auf der Bewertung betriebsbedingter Emissionen. Materialbedingte Emissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes bleiben hingegen unberücksichtigt. Gleichzeitig werden ökobilanzielle Bewertungen derzeit überwiegend für Neubauprojekte erstellt und häufig erst in fortgeschrittenen Planungsphasen durchgeführt. Die im Gebäudebestand bereits gebundenen Umweltwirkungen sowie die durch den Erhalt bestehender Bausubstanz vermiedenen Emissionen werden dabei nicht als eigene Bewertungsgröße ausgewiesen.
Dadurch bleibt das tatsächliche Klimaschutzpotenzial von Sanierung und Bestandserhalt in vielen Entscheidungsprozessen unberücksichtigt. Dies führt dazu, dass Maßnahmen zum Bestandserhalt und zur Sanierung gegenüber Neubaulösungen systematisch benachteiligt werden, obwohl gerade in den bereits verbauten Materialien ein erhebliches Potenzial zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen liegt. Der Lebenszyklus-Wertindex (LZWi) adressiert diese Lücke, indem er betriebsbedingte und materialbedingte Emissionen in einer einheitlichen Kennzahl zusammenführt und dabei die verbleibende Nutzungsdauer eines Gebäudes berücksichtigt. Die im Gebäudebestand bereits gebundenen Umweltwirkungen werden dabei als vorgeleistete Umweltinvestition erfasst. Dadurch wird der sogenannte Emissions-Rucksack sichtbar gemacht und in die Bewertung integriert.
Der LZWi berücksichtigt
- betriebsbedingte und materialbedingte Emissionen
- den Emissions-Rucksack bestehender Gebäude
- die verbleibende Nutzungsdauer durch ein Abschreibungsprinzip
- eine vergleichbare Bewertung anhand einer einheitlichen Kennzahl
Für öffentliche und private Auftraggeber:innen stellt sich zunehmend die Frage, welche Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen, Wettbewerben und Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden sollen. Aus Sicht der Arbeits- und Entwicklungsgruppe des LZWi ergibt sich daraus folgende Empfehlung: Durch die gemeinsame Bewertung betriebsbedingter und materialbedingter Emissionen wird ein sachgerechter Vergleich zwischen Sanierung, Bestandserhalt und Neubau über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes ermöglicht.
Daraus leitet sich die Empfehlung ab, lebenszyklusorientierte Kennwerte bereits in frühen Planungs- und Vergabephasen einzufordern. Der LZWi kann dabei als ergänzendes Bewertungs- und Entscheidungsinstrument herangezogen werden. Auf diese Weise lassen sich potenzielle Fehlanreize zugunsten von Rückbau und Ersatzneubau reduzieren und fundiertere Entscheidungen fördern.
Die vorliegende Ausarbeitung versteht sich als Beitrag zur Weiterentwicklung einer lebenszyklusorientierten Bewertungsmethodik im österreichischen Bauwesen. Weiterführende Informationen sowie die methodischen Grundlagen sind im Whitepaper „Lebenszyklus-Wertindex (LZWi)2“ auf der Webseite der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) unter der Rubrik Publikationen verfügbar.


Fazit
Der Lebenszyklus-Wertindex (LZWi) ergänzt die Betrachtung des Gebäudebetriebs um materialbedingte Emissionen und den noch nicht abgeschriebenen „Emissions-Rucksack“ bestehender Gebäude. So können Bestandserhalt, Sanierung und Neubau auf einer gemeinsamen methodischen Grundlage verglichen werden. Wird der Kennwert bereits in frühen Planungs- und Vergabephasen eingesetzt, kann er die Klimawirkung verschiedener Optionen sichtbarer machen und Entscheidungen zugunsten eines geeigneten Bestandserhalts besser begründen – ohne Neubau grundsätzlich auszuschließen. Der LZWi ist dabei ein ergänzendes Bewertungsinstrument, kein Ersatz für eine projektspezifische Ökobilanz.
Die Publikation bündelt praxisnahe Lösungsansätze für zentrale technische Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Anhand konkreter Projekte und Bauteile zeigt sie, welche Möglichkeiten für Wiederverwendung, Weiterverwendung und Sanierung bereits bestehen – und welche technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.
Im Fokus stehen unter anderem Aushub, Fassaden und Fenster, Ausbauprodukte sowie unterschiedliche Formen der Aufbereitung und Wiederverwendung. Ergänzend werden Gebäudezertifizierungs- und Verifikationssysteme sowie der Lebenszyklus-Wertindex betrachtet. Die Beiträge machen deutlich, wo Kreislaufwirtschaft heute bereits praktikabel umgesetzt werden kann und welche Rahmenbedingungen noch weiterentwickelt werden müssen, damit zirkuläre Lösungen breiter in der Praxis ankommen.
- Kreislauffähiges Bauen scheitert häufig nicht an fehlenden technischen Lösungen, sondern an zu spät verfügbaren Bestands- und Materialdaten sowie ungeklärten Rückbau-, Lager-, Aufbereitungs- und Nachweisprozessen.
- Wiederverwendung und Weiterverwendung funktionieren besonders dann, wenn Bauteile früh geprüft, zerstörungsarm rückgebaut und Logistik sowie Aufbereitung rechtzeitig mitgeplant werden.
- Wirtschaftlichkeit entsteht nicht nur durch günstigere Materialien, sondern auch durch vermiedene Entsorgungs-, Transport-, Neubeschaffungs- und Montagekosten.
- Gewährleistung, Haftung und fehlende Versicherungs- bzw. Finanzierungsmodelle sind zentrale Hürden für die breitere Umsetzung kreislauffähiger Lösungen.
- Kreislaufwirtschaft muss bereits in Wettbewerb, Planung und Ausschreibung verankert werden, damit technische Lösungen später auch vergabe-, zertifizierungs- und nachweisfähig sind.
- Gebäudezertifizierung und EU-Taxonomie machen zirkuläre Qualitäten zunehmend mess- und nachweisbar, bilden jedoch nicht jede ökologische Stärke eines Projekts vollständig ab.
- Der Lebenszyklus-Wertindex erweitert die Bewertung um materialbedingte Emissionen und ermöglicht damit einen vergleichbareren Blick auf Sanierung, Bestandserhalt und Neubau.
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