Vom Stellplatz zur Mehrwertfläche
Parkgaragen im Wandel
2 Aktuelle Herausforderungen und notwendige Weiterentwicklungen
Im Zuge der einzelnen Vorträge und Diskussionen in der Arbeitsgruppe wurden verschiedene übergeordnete Herausforderungen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten diskutiert, die die aktuelle Umnutzung von Garagenräumen einschränken und eine Anpassung in Zukunft erleichtern.
2.1 Aktuelle Herausforderungen
- Rechtliche Bindung
Stellplatzverpflichtungen können Flächen dauerhaft an die Nutzung als Stellplatz binden. In Wien sind für die Auflassung bzw. Umnutzung bestehende rechtliche Voraussetzungen zu erfüllen; im Wohnungseigentum kommen zusätzliche Zustimmungserfordernisse hinzu. - Bestandstauglichkeit
Bestehende Garagen sind für klassische Umnutzungen häufig nur bedingt geeignet. Geringe Raumhöhen, fehlende Belichtung, statische Mängel und unzureichende technische Infrastruktur begrenzen das mögliche Nutzungsspektrum. - Wirtschaftlichkeit
Hohe Errichtungs- und Erhaltungskosten stehen bei vielen Garagen einer begrenzten Wertschöpfung der Stellplätze gegenüber. Leerstand oder geringe Auslastung verschärfen dieses Verhältnis. - Ökologische Wirkung
Insbesondere unterirdische Garagen verursachen durch Aushub, Beton und Tragkonstruktion relevante graue Emissionen. Die ökologische Bewertung muss daher den gesamten Lebenszyklus und mögliche Weiterverwendung berücksichtigen. - Stadt und Quartier
Garagen sind häufig monofunktional organisiert. Die Herausforderung besteht darin, aus reinen Verkehrsflächen wieder nutzbare Räume für Quartier, Freiraum, Infrastruktur oder andere Nutzungen zu entwickeln, ohne neue Probleme bei Sicherheit, Erschließung und Aufenthaltsqualität zu erzeugen.
2.2 Chancen und notwendige Weiterentwicklung
- Zweites Leben mitplanen
Neubauten sollten von Beginn an auf spätere Anpassbarkeit,
Mehrfachnutzung und reversible Grundrisse vorbereitet werden. - Zentrale Lage berücksichtigen
Viele der bestehenden Garagen in unseren Stadträumen sind
hervorragend angebunden und liegen in attraktiven Lagen, die Potenzial für eine Innen- und Außenraumaktivierung bieten. Diese Lage und Potenzialfläche gilt es aufzugreifen und weiterzuentwickeln. - Raum und Tragstruktur qualifizieren
Ausreichende Raumhöhen, robuste Raster, Lastreserven und gut organisierte Erschließungen erweitern das spätere Nutzungsspektrum. - Licht und Technik früh sichern
Belichtung ist bei vielen Umnutzungen der entscheidende Eingriff. Gleichzeitig sollten bei einer Weiterentwicklung Schächte, Leitungsreserven, Lüftung und Sanitär bereits mitgedacht werden. - Rechtliche Rahmenbedingungen weiterentwickeln
Stellplatzverpflichtungen und Genehmigungsprozesse müssen stärker auf veränderte Mobilitätsbedürfnisse und die Transformation des Bestands reagieren. - Lebenszyklus statt Errichtungskosten betrachten
Ökobilanz, Betriebs-, Rückbau- und Folgekosten sollten gemeinsam mit dem realen Mobilitätsbedarf in die Planung einfließen. Dabei sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Typologien ausdrücklich zu berücksichtigen.
Parkgaragen sind gebauter Bestand auf Vorrat: Beton, Fläche und Infrastruktur für ein Mobilitätsmodell, das sich grundlegend verändert. Während manche Stellplätze bereits leer stehen, werden andernorts weiterhin Flächen für den ruhenden Verkehr geplant. Die Frage ist daher: Was passiert, wenn wir diese Stellplätze nicht mehr brauchen?
Damit berührt die Arbeitsgruppe „Vom Stellplatz zur Mehrwertfläche: Parkgaragen im Wandel“ den IG-Lebenszyklus-Schwerpunkt 2026 „Bestand als Business Case“. Bestand bedeutet dabei nicht nur Erhalt, sondern vor allem, vorhandene Strukturen weiterzuentwickeln und neue Werte aus ihnen zu schaffen.
Auch ökologisch ist diese Frage relevant: Rund 1.240 km² sind in Österreich durch Verkehrsflächen versiegelt – etwa die dreifache Fläche Wiens (vgl. ÖROK-Monitoring Flächeninanspruchnahme und Versiegelung (2025); Datengrundlage: Umweltbundesamt).
Parkgaragen können vom Endpunkt zum Möglichkeitsraum werden: durch Umnutzung im Bestand und Reversibilität im Neubau. Diese Publikation zeigt, wie daraus langfristig neue Mehrwertflächen entstehen können.
- Parkgarage ist nicht gleich Parkgarage: Garagenpark, Innenhofparken, Hochgarage, Tiefgarage und Erdgeschossparken erfordern jeweils unterschiedliche Transformationsstrategien.
- Die spätere Umnutzbarkeit wird wesentlich bereits bei der ursprünglichen Planung bestimmt – insbesondere durch Raumhöhe, Tragstruktur, Belichtung, Erschließung und technische Infrastruktur.
- Mehrwert muss nicht erst durch eine vollständige Umnutzung entstehen: Zwischen-, Mehrfach- und Mischnutzungen können bestehende Stellplatzflächen schon heute wirtschaftlich und funktional aufwerten.
- Im Neubau sollten Garagen nicht ausschließlich für den aktuellen Stellplatzbedarf, sondern als langfristig anpassbare Flächenreserve geplant werden.
- Höhere Anfangsinvestitionen in flexible Tragstrukturen, ausreichende Raumhöhen, Belichtung und technische Reserven können die zukünftige Nutzbarkeit erhöhen und Transformationsrisiken reduzieren.
- Die Wirtschaftlichkeit von Stellplätzen sollte über den gesamten Lebenszyklus betrachtet werden – einschließlich Errichtung, Betrieb, möglicher Umnutzung und Rückbau.
- Insbesondere Tiefgaragen verursachen durch Aushub und materialintensive Konstruktionen hohe graue Emissionen, weshalb der tatsächliche Stellplatzbedarf frühzeitig hinterfragt werden sollte.
- Rechtliche Rahmenbedingungen und Stellplatzverpflichtungen können eine Umnutzung stärker einschränken als die bauliche Struktur und müssen daher frühzeitig in die Planung einbezogen werden.
- Lage und Umfeld sind entscheidend: Innerstädtische, zentrale und gut erschlossene Garagen bieten andere Transformationspotenziale als Stellplätze in peripheren oder ländlichen Gebieten.
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